Schatzstücke

Inschriften in der Kirche - wie erforscht man das?

Inschriften geben uns Hinweise aus der Geschichte eines Ortes oder von Personen. Wie erforscht man das?

 

Sprechende Steine – Die Inschriften der Stiftskirche

Jens Borchert-Pickenhan

Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig

 

Sie sind in der Stiftskirche allgegenwärtig – eingehauen auf den Grabplatten der Äbtissinnen in der Krypta, ins Gold des Domschatzes getrieben, aufgemalt oder an die Wände gekritzelt, aber auch verborgen unter dem Fußboden auf Särgen oder hoch oben auf Glocken: historische Inschriften berichten uns über das Leben und Sterben der Menschen im Umfeld des Damenstifts, sie nennen Lebensdaten und Baumaßnahmen oder erklären als Beischriften Bilder und Figuren.

 

Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich schnell Probleme, viele Inschriften sind in alten, nicht ohne Weiteres zu entziffernden Schriften ausgeführt, Grabplatten sind teilweise bis zur Unkenntlichkeit abgetreten und selbst wenn man eine Inschrift gut lesen kann, sind viele Worte oft so stark abgekürzt, dass ein Verständnis nicht möglich ist. Ganz zu schweigen davon, dass meist noch ein Lateinwörterbuch dabei sein sollte.

 

Im Rahmen des Forschungsvorhabens „Die Deutschen Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ hat es sich eine Projektgruppe an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig zur Aufgabe gemacht, sämtliche historische Inschriften der Stadt Quedlinburg zu erfassen, zu entziffern, fremdsprachige Texte zu übersetzen, ihren Kontext zu erläutern und sie verbunden mit umfangreichen Abbildungen in Buchform und später in einer Internetdatenbank zu veröffentlichen – und damit für verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Interessierte überall zugänglich zu machen. Dabei werden auch Inschriften berücksichtigt, die heute verloren oder zerstört sind, diese werden anhand von alten Abschriften oder Fotografien bearbeitet.

Soweit die Theorie, doch wie sieht die Praxis der Inschriftenforscher aus?

Anhand von Erwähnungen der Inschriften in der vorhandenen Forschungsliteratur, in alten Drucken wie Chroniken oder Ortsbeschreibungen, aber auch in alten Handschriften und auf Fotografien werden die bekannten Inschriften erfasst und vor Ort in Augenschein genommen. Meist sind etliche Inschriften darunter, die vor Ort verloren oder zerstört sind, diese müssen auf der Grundlage der Abschrift bearbeitet werden.

 

Bei Aufnahmearbeiten vor Ort werden die Inschriften der Stiftskirche erfasst und mit Hilfe vieler Fotografien aufgenommen, manchmal abgezeichnet. Die Dokumentation ist auch eine wichtige Sicherung, oftmals sind Inschriftenträger schädlichen Einflüssen ausgesetzt.

 

Inschriften können vielfach mit Hilfe verschiedener Beleuchtungstechniken besser sichtbar gemacht werden. Schauen wir auf ein Beispiel:

Grabplatte für Äbtissin Hedwig von Sachsen (†1511)

Nach den Arbeiten vor Ort werden die Inschriften transkribiert, d.h. die Schrift, ob in alter Schrift oder abgekürzt in den Stein gehauen, wird in unserem Alphabet mit Hilfe von epigraphischen Zeichen (wie Klammern bei aufgelösten Abkürzungen) in eine Inschriftendatenbank eingegeben und übersetzt.

 

Im Folgenden am Beispiel der Grabplatte für die Äbtissin Anna von Plauen (†1458).

anno • d(omi)ni • M • cccc • lviii / die • sabbati • xiiii • me(n)sis • Januarii • obiit • venerabilis • d(omi)na • an(n)a / de • plawe / • abbat(issa) • hui(us) • eccl(es)ie • cui(us) • a(n)i(m)a • requiescat • in • pace • amen •••

 

Im Jahr des Herrn 1458, am Samstag, 14. Tag des Monats Januar, starb die ehrwürdige Frau Anna von Plauen, Äbtissin dieser Kirche, deren Seele in Frieden ruhe, amen.

Weitere Informationen zur Inschrift wie Maßangaben, Inschriftenträger oder Datierung werden ergänzt. Neben einer Schriftbeschreibung wird im Kommentar der Kontext der Inschrift erläutert, meist Angaben zu den erwähnten Personen oder die Einordnung der Inschrift in ihr historisches Umfeld. Neben dem Katalog dieser und der anderen Inschriften der Stiftskirche, der anderen Kirchen und der vielen Hausinschriften Quedlinburgs wird in der Einleitung des Inschriftenbandes auch eine Gesamtbetrachtung des Inschriftenbestandes, der Schriftentwicklung und des historischen Kontextes vorgenommen. Zehn verschiedene Register zu u. a. Personen, Inschriftenformeln, Bibelversen, Schriftarten oder Ämtern und Berufen erschließen den Inschriftenbestand.

 

Nicht immer ist der Weg von der Inschrift zur kommentierten Edition so „unbeschwert“ wie bei Äbtissin Anna.  An der Kirchenwand liegen etliche Steinbrocken, auf einem ist u. a. zu lesen: ROTHEAE SOPHIAE / THUR. MARCH. MISN. Ein Blick auf die Liste der Äbtissinnen weist auf die 1645 verstorbene Dorothea Sophie, geborene Herzogin von Sachsen, Landgräfin von Thüringen und Markgräfin von Meißen. Auch hier hilft eine alte Abschrift, um den auf den Fragmenten fehlenden Text vollständig zu ergänzen.

Er lautete ergänzt und mit aufgelösten Abkürzungen:

 

MEMO[R]IA /

[REV]ERENDISS(IMAE) AC ILLUSTRISS(IMAE) PRINCIPIS /

[ET DO]MINAE D(OMI)N(AE) DOROTHEAE SOPHIAE /

[DUC(ISSAE) SA]XON(IAE) LAN[DGRAV(IAE)] THUR(INGIAE) MARCH(IONISSAE) MISN(IAE) /

IMP[ERATORIAE LIBERAE ABBAT]IAE QVEDLINBURG(ENSIS) [HE=/]

G[UMENAE RELIGIOSISSIMAE PARI TA]M SECULI QVAM [ET SEXUS /

SUI SUMMI ORNAMENTI N]ATA FU[IT VI]NARIAE. D(IE) XIX [DEC(EMBRIS) AN(NO) OR(IGINE MUNDI) /

MDLXXXVII SOLENNI] RITU ABB[AT(ISSA) REC]EPTA. XX. APR(ILIS) [A(NNO) MDCXVIII /

CUM VIX(IT) ANN(OS) L]VII. M(ENSEM) [I D(IES) XXIII]. PRAESED(ERIT) [A(NNOS) XXVII /

DENATA X] FE[BR(UARII) AN(NO)] MDCXLV[.]

 

Gedenken an die hochwürdigste und durchlauchtigste Fürstin und Herrin, Frau Dorothea Sophia, Herzogin von Sachsen, Landgräfin von Thüringen und Markgräfin von Meißen, des kaiserlichen freien Stifts Quedlinburg äußerst fromme Äbtissin, ebenso ihrer Zeit wie auch ihres Geschlechts höchste Zier, wurde geboren in Weimar am 19. Dezember im Jahr der Erschaffung der Welt 1587, nach feierlichem Brauch aufgenommen als Äbtissin am 20. April im Jahr 1618, nachdem sie 57 Jahre, einen Monat (und) 23 Tage lebte und (diesem Stift) 27 Jahre vorstand, starb sie am 10. Februar im Jahr 1645.

In einem Bau- und Kunstdenkmälerverzeichnis aus dem Jahr 1922 wird dieses Epitaph, also ein Grabdenkmal, das nicht unbedingt im örtlichen Zusammenhang mit der Bestattungsstelle angebracht sein muss, noch als vollständig mit wenigen Beschädigungen beschrieben. Es wurde in den Dreißigerjahren zerstört, die Fragmente wurden 2008 wiederentdeckt. Durch alte Fotos kann das Grabdenkmal und die Position der Texte beschrieben werden.

Wozu Inschriften?

Inschriften sind historische Quellen ersten Ranges, sie erweitern unsere Kenntnisse über die Vergangenheit. Sie geben vielfach allgemeine Informationen über die Menschen – die Äbtissinnnen sind auch aus anderen Quellen bekannt, aber oft sind Erwähnungen in Inschriften die einzigen Spuren, die wir von einem Menschen haben. Die Inschriften geben uns Auskunft über Lebensdaten und Lebenswege, aber beispielsweise auch über Konventionen des Totengedenkens und Jenseitsvorstellungen ihrer Zeit. Inschriften benennen oft Stifter und erklären ihren Träger, auf dem sie angebracht wurden. Sie berichten über Baumaßnahmen, über Naturereignisse wie Fluten oder Zerstörungen durch Brände und Kriege. Neben der Geschichtswissenschaft sind die Inschriften auch für die Theologie interessant, auch für Sprachwissenschaftler, die anhand der Inschriften sprachliche Phänomene untersuchen oder die Rezeption von Bibel und anderer Literatur in den Inschriften nachverfolgen können. Die Inschriftenträger, ob Grabplatte, Sarkophag, Gemälde, Glocke, Altarretabel oder Kelch, sind immer auch Gegenstände der Kunstgeschichte, oftmals herausragende.

Neben dem wissenschaftlichen Aspekt sind Inschriften aber auch an sich spannende Zeugnisse der Vergangenheit. Oft eben für die Nachwelt geschaffen erfüllen sie eine bestimmte Funktion: sie bewahren die mit ihnen verbundenen Menschen der Vergangenheit im kulturellen Gedächtnis. Durch sie sind viele Äbtissinnen und andere Personen aus dem Umfeld des Stifts auch materiell in der Stiftskirche noch heute gegenwärtig.

Mit der geplanten Inschriftenedition für die Stadt Quedlinburg können die Inschriften der Welterbestätte auch überregional eingeordnet werden. Bisher wurden in den zehn Arbeitsstellen der deutschen Akademien der Wissenschaften und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien über 100 Städte und Landkreise bearbeitet, mehr als 70 davon sind bereits frei zugänglich und durchsuchbar im Internet in der Inschriftendatenbank DIO – Deutsche Inschriften Online (www.inschriften.net). Bis die Quedlinburger Inschriften eingestellt werden lohnt sich ein Blick, beispielsweise in die Inschriften der benachbarten Stadt Halberstadt (Band 1, Dom und Band 2, Stadt) oder der Stadt Essen mit dem Essener Damenstift.

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