Schatzstücke

Das Laurentius-Reliquiar

Ein kleines Schatzobjekt und seine große Bedeutung nicht nur für Quedlinburg. Ein Fachtext.

von Lydia Zander

Formenvielfalt der Schatzobjekte – viele kleine Gefäße in der Südkammer

Betritt der Besucher die Südkammer der Stiftskirche St. Servatii, um dort die Schatzstücke zu bewundern, so wird sein Blick zunächst unwillkürlich von dem prächtig vergoldeten und mit reichem Steinbesatz verzierten Buchdeckel des Evangelistar aus St. Wiperti angezogen. Der Blick wandert dann auf die drei Holzschreine in Hausform. Im Gegensatz zu diesen Großreliquiaren, die aufgrund ihrer Form und Fassung ein relativ einheitliches Bild abgeben, präsentieren die zahlreichen Kästchen und Dosen in den Vitrinen der Südkammer die Vielfalt an kleineren Gefäßen, die im Mittelalter zur Bergung der heiligen Reliquien genutzt wurden. Bei vielen solchen Objekten handelt es sich um Umnutzung eines zunächst profan genutzten Gefäßes zu einem Reliquienbehälter. Die Funktion solcher Behälter als Reliquiare war klar definiert, ihre äußere Gestalt dagegen war nicht festgelegt. Deshalb bekommt der Besucher des Stiftschatzes in Quedlinburg eine Vielzahl an Gefäßen zu sehen, die in ihrer Materialität, Form und künstlerischen Ausgestaltung sehr variieren.

Darunter befindet sich eine kleine auf einem Rost liegende Figur, die im ersten Augenblick mit den anderen Reliquiaren nichts gemeinsam zu haben scheint. Die kleine Statuette ist weder besonders künstlerisch ausgestaltet, noch kann man an ihr eine Möglichkeit zur Aufnahme von Reliquien feststellen – zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch genau wegen seiner ungewöhnlichen Darstellungsform ist dieses kleine Reliquiar in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.

Kleine liegende Männergestalt – Viele Details

Das nur etwa 14 cm lange und 6,5 cm hohe Reliquiar zeigt eine auf einem einfach ausgeführten Rost liegende männliche Gestalt. Der schlanke und unbekleidete Körper ist bis in die Zehenspitzen gestreckt, beide Knie und der Unterleib sind anatomisch markiert. Die Arme liegen seitlich nahe am Oberkörper an; die Hände liegen unterhalb des Bauches gekreuzt und rahmen zusammen mit den Armen den Oberkörper. Dieser zeichnet sich durch den weich modellierten Brustkorb mit leicht vorgewölbtem Bauch aus. Die Rippenbögen sind fast graphisch durch Einkerbungen angelegt. Markant ausgeformt ist auch das Haupt, so gliedern kräftige parallel verlaufende, gravierte Furchen die Haare der Tonsur. Das Gesicht wird durch geöffnete Augen, ausgebildete Jochbeinpartien und ein deutlich hervortretendes Kinn geprägt.

Der Heilige Laurentius – viele dramatische Zugaben

Insgesamt kann man an der Gestalt eine gewisse Ruhe und Gelassenheit ablesen, wie es der geläufigen bildlichen Darstellungsweise der christlichen Märtyrer entspricht. Durch die beiden Elemente – den Rost und den darauf liegende Körper – lässt sich die Szene als die Marter des Heiligen Laurentius identifizieren. 

 

 

Der Überlieferung nach wurde der aus Spanien stammende Laurentius von Paps Sixtus II. (Amtszeit 257-258) nach Rom gerufen und zum Diakon geweiht. Aufgrund eines Edikts von Kaiser Valerian (Regierungszeit 253-260), das die Ergreifung und Tötung christlicher Bischöfe, Priester und Diakone befahl, erlitt der Paps und sieben Angehörige seines Klerus, darunter auch Laurentius, Anfang August 258 in Rom den Märtyrertod. Der Überlieferung nach wurde Laurentius am 10. August hingerichtet.

Die Ausgestaltung seiner Passion lässt sich ab dem Ende des 4. Jahrhunderts greifen. Der Kirchenvater Ambrosius von Mailand (339-397) berichtet in seiner Abhandlung De officiis ministrorum nicht nur über Laurentius` Tod, sondern schmückt die Geschichte dramatisch aus, indem er die grausame Todesart des Verbrennens auf einem Eisenrost beschreibt. Darüber hinaus wird die Gelassenheit und Opferbereitschaft von Laurentius mit den Worte „Der Braten ist jetzt fertig, dreh´ ihn um und iss!“, die er in Angesicht des Todes an die Henker richtet, betont.

Nicht zuletzt wegen solcher Narrative wurde der hl. Laurentius während des gesamten Mittelalters als Blutzeuge in der Nachfolge Christi verehrt und infolgedessen bildlich dargestellt. Auch die kleine auf dem Rost liegende Laurentius-Figur im Schatz der Stiftskirche ist als ein solches Zeugnis zu verstehen. Allerdings wird hier das Martyrium des Heiligen nicht nur bildlich in freiplastischen Form präsentiert, sondern zudem durch die im Inneren der Figur geborgenen Reliquien real vergegenwärtigt.

Das Laurentius-Reliquar in den neuzeitlichen Quellen – viele offene Fragen

Das Laurentius-Reliquiar birgt heute keine Reliquien mehr. Dass es aber von Anfang an für die Aufnahme von Reliquien konzipiert war, verrät eine am Rücken der Figur mit einem Scharnier montierte Verschlussplatte. (Bild / von Unten) Um welche Art der Reliquien es sich handelte, woher diese nach Quedlinburg kamen und wann diese entnommen wurden, ist unbekannt.

In den Schatzverzeichnissen des Stiftschatzes, die nach der 1540 eingeführten Reformation verfasst wurden, wird das Reliquiar explizit erwähnt. Bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte es zum Schatzbestand des Benediktinerinnenklosters St. Maria in Quedlinburg, das im Jahre 986 auf dem Münzenberg von Äbtissin Mathilde (amt. 966–999) zur Memoria ihres 983 verstorbenen Bruders Kaisers Otto II. gegründet worden war. Nach der Aufhebung des Marienklosters gelangte der gesamte Kirchenschatz von St. Maria, darunter auch das Laurentius-Reliquiar, in das Damenstift St. Servatii, in dessen Schatzkammer es sich noch heute befindet.

Die erste Erwähnung, die die äußere Form des Laurentius-Reliquiar klar beschreibt, findet sich in dem um das Jahr 1546 verfassten Schatzverzeichnis. Der Eintrag lautet: Ein silbern sanct Lorencius liegt uff eine rost. Über die Art der im Reliquiar geborgenen Reliquien wird man allerdings nicht aufgeklärt. 

Einen Hinweis darauf macht Friedrich E. Kettner in seiner 1710 publizierten Chronik. Neben den vielen im Zitter aufbewahrten Heiltümer erwähnt er auch „de(n) Rost des Heil. Laurentii“. Etwas unklar  wird die Lage dadurch, dass nur ein Paar Zeilen weiter im Text Kettner zusätzlich von „Kohlen, mit welchen Laurentius gebraten (wurde)“ spricht. 

Eine weitere Beschreibung des Reliquiars aus dem Jahre 1828 von Johann H. Fritsch verrät jedoch, dass das Reliquiar zu diesem Zeitpunk bereits keine Reliquien mehr barg: „ein heiliger Laurentius, auf dem Roste liegend, ganz von Silber gearbeitet. Der Körper desselben ist hohl und mit einem Kläppchen versehen; unstreitig haben in ihm kleine Reliquien Platz gehabt“.

Die Rost-Reliquie in dem Schatz des Benediktinerinnenklosters St. Maria – viele (Um)Wege

Zu einer Reliquie des Rostes gibt es Beziehungen aus dem ottonischen Stifterumkreis der Quedlinburger Kirchen. So berichtet Sigebert von Gembloux um 1055 in der Vita Deoderici Mettensis, dass Otto der Große (amt. 936–973) von Papst Johannes XII. (amt. 955–963) einen Stab vom Rost des heiligen Laurentius zum Geschenk bekommen habe. Er scheint mit der Gründungsausstattung Otto des Großen an den Magdeburger Dom gelangt zu sein, wo eine Laurentius-Rostreliquie bis ins 17. Jahrhundert belegt ist.

Aufgrund der Magdeburger Rost-Reliquie und der engen Beziehungen Ottos des Großen nach Quedlinburg wird in der Forschung angenommen, dass ein Stück dieser Reliquie bereits unter Otto dem Großen in den 960/70er Jahren an das Quedlinburger Servatiusstift gekommen ist und von dort 986 durch Äbtissin Mathilde an das als ottonischer Memorialort neu gegründete Marienkloster übertragen worden ist. Vielleicht hat aber Mathilde erst 986 direkt von Magdeburg von der mit Otto dem Großen verbundenen Reliquie ein Stück erhalten. Möglich wäre angesichts der großen Bedeutung des Heiligen auch ein späterer Reliquienerwerb, der unabhängig von der ottonischen Geschichte erfolgt wäre.

Für das Laurentius-Reliquiar und die in ihm ehemals geborgenen Reliquien lassen sich also aus den Quellen keine eindeutige Aussagen gewinnen. Alle hier vorgeschlagene Wege der Reliquie nach Quedlinburg bzw. in den Marienkloster sind lediglich als Möglichkeiten formuliert. Zur Klärung dieser Lage könnte eine Untersuchung der zahlreichen Reliquienpäckchen beitragen, die in den oben angesprochenen Kästchen des Stiftschatzes aufbewahrt werden. Dass eine sorgfältige Analyse der Stoffe, in die die Reliquienpartikeln gewickelt sind, und der Authentiken, die eine schriftliche Auskunft über den geborgenen Inhalt geben, ein enormes Potential zur Erforschung eines Schatzes bietet, zeigen die Ergebnisse der Untersuchung im Frauenstift in Gandersheim.

Das Laurentius-Reliquiar – viele Verluste

Oft wird in der Literatur auf eine künstlerisch anspruchslose Erscheinung des Laurentius-Reliquiars hingewiesen. In Tat sieht das Reliquiar aufgrund seiner geringen Größe und seines etwas „abgenutzten“ Zustandes wie ein Objekt aus, das im Vergleich mit anderen Schatzstücken jeglicher Kostbarkeit entbehrt. Kein Funkeln der Steine oder Emails, kein Glänzen der vergoldeten Metalloberfläche, keine Akzentuierung bestimmter Bereiche durch wiederverwendete Versatzstücke von älteren Objekten ist feststellbar. Neben solchem Materialaufwand fehlt es dem Laurentius-Reliquiar zusätzlich an Gestaltungselementen, die dem Betrachter das eindeutige Verstehen des Objekts als Reliquiar ermöglichen. Dazu kann eine am Reliquiar angebrachte Inschrift oder eine sichtbar präsentierte Reliquie verwendet werden.  

 Allerdings verraten bei näherer Betrachtung des Laurentius-Reliquiars einige Einzelheiten, dass bei der Ausarbeitung der Figur viel Wert auf anatomische Details gelegt wurde. Zudem lassen sich an vielen Stellen Reste von Vergoldung feststellen. Weil diese Partien unregelmäßig am ganzen Körper verteilt sind, kann man von einer Vergoldung der kompletten Statuette ausgehen. Darüber hinaus lässt die aktuell eher als unvollständig anmutende Gestaltung des Rostes darauf schließen, dass dieses samt der liegenden Figur auf einem Sockel montiert war. Als ein tektonisches Auszeichnungsmittel zählt der Sockel zum klassischen Aufbaus eines Reliquiars. Damit hätte man einen der Reliquie angemessenen Präsentationscharakter des Behälters erreicht. Zudem wäre so die Möglichkeit gegeben, die züngelnden Flammen unterhalb des Rostes darzustellen. Auch die praktische Handhabe des Reliquiars –  zum Beispiel das Aufstellen auf einem Altar –  wäre    einfacher.  

Das Laurenius-Reliquiar - neue künstlerische Strategien

Aufgrund seines heutigen offensichtlich durch viele Verluste gezeichneten Zustandes, des Fehlens der Reliquie und der schwierigen Quellenlage, kann das Laurentius-Reliquiars nicht genau datiert werden. In der Forschung geht man von der Entstehung in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus. Dieser Vorschlag beruht hauptsächlich auf den Vergleichen mit anderen in der Zeit entstanden Objekten.

Außerdem lässt sich diese Datierung mit der historischen Situation der beiden Quedlinburger Kirchen seit der Wende zum 13. Jahrhundert begründen. Viele in der Stiftskirche aufbewahrten Schatzstücke zeigen in ihrer Gestaltungssprache eine deutliche Rückbindung an die glanzvolle Gründungszeit und die kaiserlichen Stifter der Ottonen. So arbeitete man um 1230/50 ein kleines Bergkristallgefäß in Fischform zu einem Reliquiar um und wies es inschriftlich als Schenkung Kaiser Otto III. (reg. 983/996–1002) aus. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass die Neufassung einer mit den Ottonen eng verbundenen Rost-Reliquie ähnliches Bemühen um Historizität vorweist und ist somit als ein dezidierter Rekurs auf die Gründeungstraditon des Marinklosters zu deuten.

Insbesondere durch seine szenische Form führt das Reliquiar die ähnlich der Passionsreliquien Christi verehrte Rost-Reliquie bildlich vor Augen. Die Vergegenwärtigung der Quallen des Heiligen gibt dem Betrachter die Möglichkeit, die Geschehnisse und sein Leiden innerlich nachzuempfinden. Genau diese plastische Umsetzung der Szene gepaart mit einer im Inneren der Figur geborgenen Reliquie ist in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als eine ungewöhnliche Reliquiar-Form zu greifen, weshalb dem Reliquiar aus dem Quedlinburger Marienkonvent in der Entwicklungsgeschichte der Reliquiare zurecht eine größere Rolle beizumessen ist, da es als eines der frühesten Objekte dieses Reliquiar-Typus gilt. Bestimmend für die Wahl der szenischen Form war die Art der darin geborgenen Reliquie, da sie aufgrund ihrer unmittelbaren Teilnahme am Ereignis der Marter mit einer szenisch argumentierenden Sprache quasi durch die Form sichtbar gemacht werden konnte.    

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